Ein Bericht aus einer 1. Klasse im Schuljahr 2004/2005:Das
Schuljahr nähert sich dem Ende zu und wie immer habe ich als Klassenlehrerin
viel vor. Da ist Anabell, die noch ein bisschen Angst vor der Mathematik hat.
Multiplikation und auch noch die Division stehen auf dem Programm, ebenso das
Mini-Einmaleins und ich habe mit meiner ersten Klasse noch kein Projekt
gemacht.
Da
stehe ich also mit meinem großen Rucksack samt meiner Erfahrungen, Erfolge und
Misserfolge, meinen Vorlieben und all dem über die Jahre angesammelten
Krims-Krams. Gucke ich da rein oder blättere ich auf der Suche nach
Inspirationen in einem meiner geliebten mehrfach angekritzelten Steinerbänden
oder soll ich die noch wenig bearbeiteten Exemplare nehmen? Meine
Lieblingsbücher über aktuelle Didaktik liegen ganz ungeordnet über das Haus
verstreut an Stellen, wo man gerne liest. Vielleicht rufe ich auch eine
Kollegin an, vielleicht hat Kerstin, die junge Mathematikdidaktikerin eine Idee,
vielleicht Annemieke, die erfahrene Waldorfdidaktikerin? Ich frage mich, welche
Bücher von Steiner meine Kolleginnen gerade studieren und welche
wissenschaftlichen Ansätze sie faszinieren. In die Rucksäcke habe ich auch noch
kaum schauen dürfen. Wir sind alle so anders. Kein Wunder, dass Eltern machmal
staunen, dass wir geradezu Gegensätzliches als Waldorfpädagogik verkaufen. Aber
das ist ja unser Geheimnis: Die Kinder für die wir entwerfen, unser Rucksack,
die Bücherstapel und wir selbst geben im Moment des freien Unterrichtsentwurfs
eine so einzigartige, unwiderstehliche Mischung, dass zweimal das Gleiche
unmöglich ist. Immer ein Sprung ins kalte Wasser!

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