Das Kind erlebt sich zunehmend in Polaritäten. Gut und Böse in ihrer Polarität werden zur inneren Frage.
In dieser Seelenverfassung hören die Kinder Fabeln. Ob es der aufgeblasene Frosch ist, der so groß sein wollte wie ein Ochse und schließlich platzt, oder das Fohlen, das erst durch Entbehrungen und Not seine Heimat schätzen lernt, immer fühlen die Kinder dieses Alters mit den Tieren mit. Sie identifizieren sich zeitweise und distanzieren sich wieder und bilden daran ihre Gefühlsurteile. Während in den Fabeln die menschlichen Unarten belächelt oder verpönt werden, versetzen die Heiligenlegenden, beispielsweise von der heiligen Odilie,von Elisabeth, vom heiligen Christofferus oder Franziskus die Kindergemüter in eine ernste andächtige Stimmung. Diese Leitbilder mit ihrer frohen Menschen-und Tierliebe, mit ihrer Glaubenskraft werden von den Kindern tief ins Herz geschlossen. Aufblickend nach oben und tröstend nach unten, das ist die Spannbreite im sich weitenden Seelenraum des Kindes.

Aus: Aufsätze, Bilder & Gedanken, Jahresheft 1995/96 der Freien Waldorfschule Bergisch Gladbach